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IMPERIUM & LIMES 2000
Danube – River of
Cooperation, Belgrad, 11-13 mai 2000
Prof. Dr. Viorel Roman
Akademischer Rat an der Universität Bremen, Vor dem
Steintor 18, D-28203 Bremen
Impresii si pareri personale in FORUM
1994 hielt ich während des Embargos gegen Jugoslawien
in Belgrad den Vortrag »Limes und Imperium« vor dem Internationalen Forum
»Danube The River of Cooperation« . Die Resonanz übertraf alle
Erwartungen, und ich publizierte danach, z.T. zusammen mit Dr. Hannes
Hofbauer (Wien) und Dr. Klaus Schebesch (Bremen), mehrere ergänzende
Beiträge über diese umfangreiche Thematik in Zeitschriften und Verlagen in
Eppstein-Taunus , Wien , Leipzig , Cernauti , Timisoara , Baia Mare ,
Brasov , Bucuresti und Anaheim/Kalifornien . Dies verpflichtet mich,
angesichts des Krieges in Jugoslawien die vorgetragenen Thesen zu
aktualisieren. Eine Fortsetzung der vorliegenden Arbeiten verlangt einen
Bezug zur Geschichte der Rumänen, auch wenn sie in die Kriegsereignisse
bisher nicht direkt einbezogen worden sind.
Der Kriegsausbruch am Limes auf dem Balkan, wo sich Ost- und Westeuropa
seit 1600 Jahren immer wieder militärisch begegnen, offenbart, daß die
sog. Transformation des Ostens nach dem Ende des Kalten Krieges kurz vor
dem Scheitern steht. Der Enthusiasmus des Revolutionsjahres 1989, als alle
ein Europa vor Augen hatten, das vom Atlantik bis zum Ural und gar von
Vancouver nach Wladiwostok reicht, ist im orthodoxen Osten verflogen. Die
Reformen stoßen auf Widerstand und erweisen sich als viel schwieriger, als
angenommen. Die heutige Krise im Morgenland wird noch offensichtlicher,
wenn man zugleich den Glanz des Abendlandes betrachtet.
Vor dem Hintergrund des aktuellen Krieges stellt sich um so dringender die
Frage nach den Ursachen für die Probleme einer Annäherung zwischen Ost und
West und nach Möglichkeiten, die gegenwärtige Krise zu überwinden. Als
Ursache der Schwierigkeiten werden üblicherweise die Hinterlassenschaften
des Kommunismus, die Geschichte und die Religion ins Feld geführt.
Szenarien wie Lösungen sind nicht selten einseitig und widersprüchlich.
Deshalb ist es notwendig, die Grundbegriffe und Hauptideen von »Imperium
und Limes« noch einmal zu umreißen, um die neue Lage zu analysieren und
die Optionen zu erwägen.
I. Was ist Europa?
Miroslav Krleza antworte 1963 auf die Frage nach der Identität Europas:
»Neben dem klassischen, abendländischen, pantheonischen, grandiosen,
historisch pathetischen Europa lebt ein anderes, ein bescheidenes,
unterdrücktes, jahrhundertelang zahlreichen Eroberungsfahrten
ausgesetztes, peripheres Europa, das den östlichen und südöstlichen
europäischen Völkern gehört, und sich vom Baltikum über die Karpaten und
die Donau bis zum Balkan erstreckt, den Völkern also, denen das Schicksal
nicht das Leben innerhalb der europäischen Mauern (intra muros) zugedacht
hatte, sondern die Rolle von 'Antemuralen', zur Verteidigung der Ostgrenze
gegen osmanische und mongolische und verschiedene andere militärische und
politische Gefahren."
Schon für Aristoteles lag Griechenland geographisch in Europa, das heißt
westlich vom Ägäischen Meer. Wenn er aber den Charakter, die Mentalität
beschreibt, dann sind für ihn die Griechen ein Volk zwischen Europa und
Asien: Das kalte Klima Europas zeuge selbständige und rauhe Menschen; das
heiße Klima Asiens begünstige die Faulheit und die Unterwürfigkeit
gegenüber jedweder Despotie. Griechenland mit seinem temperierten Klima
dagegen sei das Land der Freiheit. Noch heute prägen unseren Kontinent
zwei verschiedene dominierende Kulturen, die griechisch-orthodoxe und die
römisch-katholisch-protestantische. Die eine ist kontemplativ und die
andere aktiv. Und so geht der Athener, der sich heute auf den Weg nach
Paris oder Rom macht, »stin Evropi« – nach Europa. Die Bestrebung der
Orthodoxen, »Europa« anzugehören, beweist jedoch nur, daß sie in diesem
Kultur- und Religionsraum noch nicht zu Hause sind, sonst wäre nicht
erklärlich, warum sie ankommen wollen, wo sie ohnehin geographisch leben.
Dabei ist das heutige »Europa« mehr, als Aristoteles ahnen konnte.
Jahrhunderte, nachdem Rom die »Alte Welt« um das Mare Nostrum vereinigt
hatte, trat die von Aristoteles beschriebene »mentale« Grenze mit der
Reichsteilung von 395 politisch-administrativ wieder hervor. Gleichzeitig
komplizierte sich die Lage, denn das »neue Rom«, Konstantinopel, verstand
sich römischer als Rom selbst. Heute sieht sich Moskau als das dritte Rom
auch als Retterin der Welt und nimmt die gleichen Prerogative in Anspruch
wie die Griechen im zweiten Rom. Das dritte Rom glaubt an die Mission, die
es nach den Niederlagen des ersten und zweiten Rom zu erfüllen habe. Das
Wiedererwachen des Westens seit dem Hochmittelalter wurde und wird im
östlichen Teil des Imperiums nur auf dem Gebiet des Materiellen
registriert. Auf der anderen Seite gibt es in allen drei Varianten des
Christentums – Orthodoxie, Katholizismus und Protestantismus – ein immer
wiederkehrendes Bestreben, die Christenheit wieder zu vereinigen.
Der Aufbau des christlichen Gebäudes auf den Ruinen von Rom gab dem
Imperium eine neue universale Dimension. Für sie kämpften die Kreuzritter
gegen den Islam und die Schismatiker; sie ist das Vaterland aller Christen
des Abendlandes, wenn man vom Protestantismus absieht. Der
Etikettenwechsel vom »Christentum« zu »Europa« ist jüngeren Datums, wie
auch die Akzeptanz der Orthodoxen als gleichberechtigter Partner im
Schlepptau der Protestanten.
Der Verzicht auf das Konzept »Christentum« zugunsten der neutralen
Begriffs »Europa« begann mit dem Konzil von Florenz 1439, auf dem die
Union des westlichen und östlichen Christentums in der Theorie vollzogen
wurde. Der Fall Konstantinopels an die Muslime 1453 und die anschließende
Reformation waren das sichtbare Ergebnis der Uneinigkeit der Christen in
der Praxis.
Die »Krise Europas 1560-1660« (ed. Tresor Asten) mit Reformation,
Religionskriegen und der Herausbildung von Nationalstaaten war die Folge.
Nach dem Westfälischen Frieden 1648 wurden die Begriffe »Staatsräson« und
»Souveränität« in den internationalen Beziehungen um die »Gemeinschaft«
bzw. das »System der europäischen Staaten« und das »Gleichgewicht der
Mächte« ergänzt. So konnten sich Protestanten und Katholiken auf einem
neutralen Boden begegnen. Gleichzeitig erhielten die Orthodoxen eine
Chance, sich am internationalen Geschehen quasi gleichberechtigt zu
beteiligen. Heute versucht man, den »Corpus Cristianum« mit Hilfe des
Ökumenismus wiederherzustellen. Der Erfolg ist mehr als fraglich.
Der Wechsel von der westlichen »Christenheit« zum rationalen »Europa« und
dem neuen internationalen Recht verschleierte nur, daß die christliche
Welt auch im 17. Jahrhundert zerrissen war und man von einer Einheit
lieber nicht sprach. Das neue Rechtssystem erlaubte es, das Rußland Zar
Peters des Großen in das europäische Staatensystem aufzunehmen. Dies war
der Anfang der – vor allem ökonomischen – Zusammenarbeit des
angelsächsischen Protestantismus mit der slawischen Orthodoxie. Diese
Allianz gegen und neben Rom wurde noch deutlicher in der Zusammenarbeit
während des Zweiten Weltkriegs, der Teilung »Europas« durch den Eisernen
Vorhang nach 1945 und der Institutionalisierung der Vereinigten Nationen
außerhalb Europas. Die Tatsache, daß sich Rußland für einige Jahrzehnten
zum atheistischen Kommunismus bekehrte, änderte nichts am Kern der
Problematik, wie sich heute als Ergebnis von Glasnost und Perestroika
zeigt.
Der Rückkehr des Ostblockes nach »Europa« vollzieht sich mit verschiedenen
Geschwindigkeiten. Die baltischen Länder, Polen, Tschechien, die Slowakei,
Ungarn, Kroatien, Slowenien und Bosnien-Herzegovina verstehen und
akzeptieren die europäischen Normen und integrieren sich in die
römisch-katholische und protestantische Zivilisation. Jugoslawien,
Bulgarien, Rumänien, Moldawien, die Ukraine, Weißrußland und Rußland
hingegen leisten nach orthodoxer Art passiven Widerstand – durch Zulassung
des Chaos. In der Vergangenheit hinterließ man dem eindringenden Westler
»verbrannte Erde«.
Serbien ist früher als gedacht aus diesem Transformationsprozeß
ausgeschert und sucht nach Verbündeten in der slawischen und orthodoxen
Welt, um vom passiven zum aktiven Widerstand überzugehen. Der Vorschlag
Belgrads, eine slawisch-orthodoxe Allianz mit Rußland und Weißrußland zu
bilden, liegt vor.
II. Kommunismus als Alibi
In einem verdächtigen Konsens machen Westen wie Osten das Erbe der
orthodox-kommunistischen Diktatur für das gegenwärtige Chaos und die
Misere in Osteuropa verantwortlich. Horrorgeschichten über diese östliche
Ersatzreligion stehen im Westen in der Kontinuität der Propaganda des
Kalten Krieges hoch im Kurs, im Osten dienen sie als Alibi für das
Scheitern der Transformation. Die Tatsache, daß der Marxismus eine
westliche Doktrin war und daß die moderne russische Entwicklungsdiktatur
die Angleichung des sozio-ökonomischen Standards an den Westen erreichen
wollte und sie bis zu einem gewissen Grad auch erreichte, wird heute gern
übersehen. Die politische und propagandistische Leistung Lenins und
Stalins, die den Marxismus-Leninismus als Entwicklungsstrategie wie als
Eisernen Schutzwall gegen den Westen eingesetzt haben, ist bemerkenswert.
Nach einem Jahrzehnt Transformation, Reform, parlamentarischer Demokratie
und humanitärer Hilfe aller Art ist augenfällig, daß immer weniger
Menschen im Osten wie im Westen an die alleinige Schuld des Kommunismus
glauben. Paradoxerweise wird die alte antiwestliche Politik im Osten heute
mit Erfolg praktiziert, indem der Kommunismus als aus dem Westen kommende
Doktrin für alle Mißstände verantwortlich gemacht wird – in der Regel von
den gleichen Parteigenossen, den sogenannten Wendehälsen, die den
Marxismus-Leninismus einst als östliche Errungenschaft durchgesetzt haben.
Positive Begleiterscheinungen des Sozialismus werden dabei übersehen: So
hat die Diktatur den Zusammenhalt der Südslawen aufrechterhalten, während
Jugoslawien nach der Abkehr von diesem System durch einen Krieg in einen
orthodoxen (Serbien, Montenegro, Mazedonien), einen römisch-katholischen
(Kroatien, Slowenien) und ein muslimischen Teil (Kosovo) zerfiel.
Bosnien-Herzegowina ist zwischen den drei Religionsgemeinschaften geteilt.
Im gesamten orthodoxen Osten werden die Ergebnisse der primitiven
Akkumulation des Kapitals, die während der Entwicklungsdiktatur erzielt
wurden, privatisiert. Das Einkommen der Mehrheit der Bevölkerung hat sich
auf zwei bis drei Dollar pro Tag reduziert. Bildung und Gesundheit, von
den Kommunisten auf ein respektables Niveau gebracht, zerfallen. Elend und
persönliche Sicherheit wurden als erstes privatisiert. Das Finanzsystem
funktioniert nicht. Die Schattenwirtschaft ist dominant geworden. Die
Wählerschaft glaubt nicht mehr an die Transformation als Mittel zur
Überwindung der Unterentwicklung oder an eine Integration des orthodoxen
Teils des Ostens in »Europa« und die NATO. Eine Restauration der
orientalischen Despotie ist wieder wahrscheinlicher als eine Angleichung
an den demokratischen Westen.
III. Ostrom wird griechisch
Wenn der real existierende Sozialismus, die marxistisch-leninistische
Doktrin sowie die russische Diktatur nicht ausschlaggebend sind für das
Ost-West-Gefälle und den Balkankrieg, müssen wir die Ursachen auch in der
langfristigen historischen Entwicklung suchen.
Der Eiserne Vorhang teilte Europa nach dem Zweiten Weltkrieg in zwei
Teile, wobei mehrere Nationen, die nicht orthodox sind (DDR,
Tschechoslowakei, Ungarn, Polen und der westliche Teil Jugoslawiens) unter
die Herrschaft Moskaus gerieten. Es ist deshalb verständlich, daß der
Westen für die Befreiung dieser Nationen unablässig gekämpft hat, zumal
diese selbst unter der orientalischen Herrschaft der roten Zaren nie
aufgehört haben, sich zu wehren – Berlin 1953, Budapest 1956, Prag 1968,
Polen 1981. Ähnliche Bestrebung wären in Serbien, Bulgarien, Rumänien oder
der Ukraine und Rußland undenkbar gewesen.
Die Kluft zwischen Ost und West ist also wesentlich größer, als sie der
Keil des Kommunismus in wenigen Jahrzehnten hätte treiben können. Auch
eine nur oberflächliche Betrachtung der osteuropäischen Geschichte
offenbart eine dominante und allgemein akzeptierte Tradition der
orientalischen Despotie, über die die wenigen Jahrzehnte des
okzidentalischen Parlamentarismus und Kommunismus nur eine dünne Firnis
gelegt haben.
Im Jahre 395 teilt Theodosius das Imperium Romanorum zwischen seinen
Söhnen Arcadius und Honorius. Trotz vielfacher Versuche, diese Teilung zu
überwinden, blieb die damals festgesetzte Grenze auf dem Balkan bis heute
erhalten. Hier begegnen sich seit mehr als 1600 Jahren Ost- und Westrom,
wobei sich die Grenze von einer politisch-administrativen Trennlinie in
eine geistliche umwandelte. Slowenien, Kroatien und Bosnien-Herzegowina
sind römisch-katholisch und gehören zum Westen. Serbien und Makedonien
gehören zum Osten, zur Orthodoxie. Die Tatsache, daß diese slawischen
Völker erst drei Jahrhunderte nach der römischen Reichsteilung in der
Region angesiedelt worden sind, ändert nichts an ihrer Mission als
Frontstaaten.
Auch wenn wir nur die nackten historischen Fakten betrachten, fällt auf,
daß schon Arcadius die Westgoten nach Rom gegen seinen Bruder Honorius
lenkte. Schon damals stand die Solidarität zwischen Ost- und Westrom nicht
hoch im Kurs. Rom wurde besetzt und 476 zerstört, das weströmische Reich
brach unter dem Druck der Barbaren zusammen. Es folgte eine Verschmelzung
zwischen imperialen Strukturen und dem Christentum sowie zwischen Römern
und Germanen. Der Bischof von Rom, der Papst, wurde Nachfolger des
Kaisers.
Konstantinopel, die Hauptstadt des oströmischen Reiches, überlebte noch
ein Jahrtausend, obwohl die Griechen im 7. Jahrhundert die Römer
verdrängten und die Führung in Konstantinopel übernahmen. Bis dahin waren
die Kaiser Römer, Amts- und Militärsprache war Latein; Griechisch sprachen
vor allem die Philosophen. Erst Kaiser Herakleios (610–641), der
Überlieferung nach armenischer Herkunft, führte Griechisch als Amtssprache
ein und vollzog die Umwandlung von Ostrom nach Byzanz. Die nun
unerwünschte und bedrohliche römische Kultur, Sprache und Bevölkerung
wurde bekämpft.
Das alte Konzept des Limes, der das Imperium vor den Angriffen der
Barbaren schützen sollte, wurde auf die Grenze zwischen Ost und West,
zwischen Griechen und Römern übertragen. Hier baute Byzanz eine Pufferzone
gegen Rom auf, indem es die Südslawen auf dem Balkan angesiedelt. Sie
säuberten das Gebiet ethnisch, die Lateinisch sprechenden Überlebenden
flüchteten in die Gebirge, in Festungen am Meer oder auf Inseln. Auch in
dieser Kontinuität steht der gegenwärtige Krieg am Limes. Nicht nur
Individuen, sondern auch Kulturen bilden ein Gedächtnis aus, um Identität
herzustellen, Legitimität zu gewinnen und Ziele zu bestimmen.
Der Konflikt zwischen Rom und dem »Neuen Rom« wurde infolge der
Gräzisierung von Byzanz und der Slawisierung des Balkans unversöhnlich.
Der Osten sah die Anstrengungen des Papstes und Kaiser Karls des Großen,
das Machtvakuum im Westen zu füllen, nicht gern. Er versuchte das
Wiedererstarken des Westreichs zu stören, konnte es aber nicht verhindern.
IV. Der Konflikt wird religiös
Die griechische Tradition hält an der Einheit zwischen dem Basileus als
absolutem Herrscher und Stellvertreter Gottes auf Erde fest. Rom sieht den
Papst als Repräsentant Gottes auf Erden und stellt den Kaiser in die
Kirche, nicht über sie. Graphisch gesehen ist die griechische Herrschaft
ein Kreis mit dem Kaiser und dem Vertreter Gottes in der Mitte; das
Abendland hingegen ist eine Ellipse mit zwei Brennpunkten: Papst und
Kaiser. Das erste Modell erzeugt die orientalische Despotie, das zweite
die okzidentalische Zivilgesellschaft.
Die Bekehrung der Südslawen zur Orthodoxie war nur eine Formalität. Die
griechisch-römische Animosität sowie die christlich-doktrinäre
Verschiedenheit erzeugten ununterbrochene Konflikte, die in das Große
Schisma (1054–1965) mündeten und bis heute fortdauern. Die Quelle dieser
Unstimmigkeit ist die Unfähigkeit, ein Einvernehmen über eine
sozialpolitische und religiös-kulturelle christliche Synthese herzustellen
sowie eine gemeinsamen Politik gegenüber dem Islam durchzusetzen. Der
Islam beruft sich wie das Christentum auf das Erbe der
jüdisch-hellenistischen Antike, auch wenn er erhebliche Unterschiede zum
Christentum aufweist.
Von der christlichen Uneinigkeit profitierend, haben sich die Muslime über
Kleinasien und Nordafrika bis nach Spanien ausgebreitet. 1240 besetzten
die Mongolen Rußland, Weißrußland und Teile der Ukraine. Diese Ostslawen
waren vorher von Byzanz zum Christentum bekehrt worden. Danach drangen die
Türken nach Europa ein und schlugen die Serben 1389 vernichtend im Kosovo.
Nach dem endgültigen Sieg über Konstantinopel 1453 zerschlugen die Türken
1527 das ungarische Königtum, so daß auch Kroatien und Transilvanien an
den Sultan fielen.
Erst die Niederlage vor Wien 1683 bewegte die Türken unter dem Druck der
christlichen Armee Prinz Eugens zum endgültigen Rückzug von der mittleren
Donau und der adriatischen Küste. Bis zum Berlin Kongreß 1878 wurde die
türkisch-österreichische Grenze zwischen Kroatien und Bosnien und auf den
Karpaten fester Bestandteil des Vorhangs, der Muslime und Christen auf dem
Balkan trennte.
Sowohl die mongolische als auch die türkische Herrschaft waren
orientalisch-despotischer Art; beide unterbrachen die Kommunikation und
Kooperation der Christen, die ohnehin durch das Schisma entzweit waren.
Eine religiöse Union oder ein gemeinsames Vorgehen gegen den Islam waren
unmöglich. Dies ist eine wesentliche Erklärung dafür, daß orthodoxe Slawen
und Rumänen, die jahrhundertelang hinter dem Eisernen Vorhang der
Byzantiner, Muslime sowie orthodoxen Kommunisten gelebt haben, heute
Schwierigkeiten haben, sich in westliche Normen einzufinden. Allerdings
könnten die Rumänen eine Ausnahme oder ein Vorreiter werden.
V. Die Rumänen am Limes
Die rumänische Sicht auf die Geschichte unterscheidet sich aufgrund des
tausendjährigen slawisch-orthodoxen Einflusses, der auch während der
kommunistischen Diktatur in ihren Grundzügen unverändert blieb, vollkommen
vom westlichen Geschichtsverständnis. Dies ist sowohl in Rumänien als auch
in der Republik Moldawien, einem aktiven Mitglied der russischen
Gemeinschaft Unabhängiger Staaten, nicht verwunderlich. Westliche Ideen
sind allerdings nicht neu in dieser Region, sie wurden besonders vor dem
Zweitem Weltkrieg von Timotei Cipariu, Augustin Bunea, Al. Papiu Ilarian,
Alexandru D. Xenopol, Nicolae Iorga, Nicolae Cartojan, Octavian Barlea
u.a. vertreten.
Die Ost-West-Trennung wurde nach dem 7. Jahrhundert von der
griechisch-slawischen Allianz gegen das römische Erbe und die römische
Bevölkerung vollzogen. Neun Jahrhunderte zuvor hatten die Römer im 2. Jh.
v. Chr. die Adria überquert, im 1. Jahrhundert n. Chr. hatte Kaiser Trajan
Dakien besetzt, die Kaiser Justin und Justinian waren glänzende Vertreter
des orientalischen Römertums, jetzt als Christen in Ostrom. Beleg für
diese Tradition ist das »Corpus Iuris Civilis«, die rechtliche Grundlage
der EU, von »Europa« und der zivilisierten Welt.
Getrennt von Rom, dezimiert und degradiert als Tolerierte, blieben die
Romanen ohne Elite und ohne Städte, die kirchliche Hierarchie wurde brutal
erneuert. Im 9. Jahrhundert wurde auch diese Verbindung zu Rom durch eine
griechisch-bulgarische Hierarchie ersetzt. Weil sie sich auch unter den
Byzantinern sich als »Römer« (romaios) identifizierten, wurde für die
Reste des orientalischen Römertums eine neue Bezeichnung gefunden:
W(a)llachen. In ihrer Kirche wurde bis ins 19. Jahrhundert slawonisch oder
griechisch gepredigt. Dieser griechisch-orthodoxe, römerfeindliche Geist
ist in Moldawien stärker vertreten als in der Walachei und in
Transilvanien.
Die Ritter des 4. Kreuzzuges und der Rumäne Ionita Asan setzten die
Wiederherstellung der römischen Tradition in Byzanz durch, sie war jedoch
nicht von Dauer. Deshalb fand die Ausrufung der Fürstentümer Moldau und
Walachei unter mongolischem Einfluß und – gegen den Westen gerichtet – mit
griechischer Salbung statt. Es folgte eine jahrhundertelange asiatische
Isolation, bis Michael der Tapfere aus der Walachei und die Union der
Ortodoxen aus Transilvanien mit Rom unter den Habsburgern den Durchbruch
nach Westen erreichten.
Der politische Erfolg war eine Episode. Die christliche Union jedoch wurde
die Grundlage der Renaissance dieses Volkes. Es liegt in der Logik der
oben genannten Ereignisse, daß die Unierte Kirche bei der ersten großen
slawischen Invasion unter Stalin mit Gewalt dem orthodoxen Patriarchen
unterstellt wurde. Der Bruch mit Rom im 9. und die erzwungene Abwendung im
20. Jahrhundert gleichen einander. Die Rumänen sollten keine Verbindung
nach Westen haben, sondern einer griechisch-slawisch orientierten
geistlichen und laischen Führung unterstellt werden.
Auch das Projekt »Groß-Rumänien« (1920–1940), mit Hilfe des Abendlandes in
Paris nach dem Ersten Weltkrieg ins Leben gerufen, wurde von der
orientalische Kirche erfolgreich zum Scheitern gebracht. Die walachische
Metropolie wurde zur Patriarchie erhoben, und jegliche Bestrebungen zu
einer Union aller Rumänen mit Rom oder eine echte Hinwendung nach Westen
wurden in Bukarest gestoppt. Diese geistliche Hinwendung nach Osten führte
zur friedlichen Teilung des Landes zwischen Ungarn, Rußland und Bulgarien
vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieg.
Die griechisch-slawische Richtung ist auch heute in Bukarest tonangebend.
Angesichts der tausendjährigen Kontinuität des orthodoxen Geistes der
orientalischen Despotie unter Byzantinern (7.–15. Jh.), Türken (15.–19.
Jh.) und Russen (19.–20. Jh.) verwundert es nicht, daß die gegenwärtige
Option »Europa« niemanden überzeugt.
Es bleibt allerdings offen, ob der Besuch von Papst Johannes Paul II. in
Bukarest 1999 nicht eine authentische Wendung nach Westen herbeiführen
wird, vergleichbar der Union von 1700. Es steht zu erwarten, daß bei
dieser Gelegenheit die untergründigen gemeinsamen Elemente der
Christenheit gesucht und gemeinsame Perspektiven entworfen werden. Der
Vorschlag aus Belgrad und Minsk, Rumänien solle der Union aus Rußland und
Weißrußland beitreten, wurde in Bukarest als eine neue slawische Bedrohung
empfunden.
VI. Acquis Communautaire
Dieser Rückblick hat einige Kontinuitätsmerkmalen in Ost und West
vermittelt, erfordert jedoch eine weitere Präzisierung der kulturellen
Grundbegriffe. Die Tendenz eines jeden kulturellen Projekts, den eigenen
Beitrag als das Wichtigste oder zumindest das Ausschlaggebende zu
betrachten, liegt in der Natur der geistlichen Auseinandersetzung.
Natürlich gibt es kaum Kulturen in vitro. Ergebnis des unablässigen
Kampfes der Kulturen ist eine Verzahnung. À la long treten nicht selten
Synthesen neben den genuinen Ansatz.
Die griechische und die römische Weltanschauung standen einander feindlich
gegenüber. Der jüdische Glaube, Grundstein des Christentums, führt seit
der Antike einen Kampf gegen den Hellenismus, Rom und – neueren Datums –
auch gegen den Islam. Die Bedeutung der jüdischen Kultur für die heutige
führende Zivilisation bedarf keiner weiteren Ausführung.
Der Hellenismus hat mindestens ebenso großen Anteil am heutigen westlichen
Zivilisationsbegriff wie das Judentum. Die Bedeutung der griechischen
Philosophie für die Fundierung und Ausbreitung des Christentums ist
unbestritten. Nach den Verfolgungen im Römischen Reich, die die Kirche zu
einer inneren Festigung zwangen, wurde das Christentum unter Konstantin
dem Großen Staatsreligion. Fortan integrierten sich die Christen in die
römischen Traditionen und gaben der interkontinentalen Infrastruktur des
Reiches ein neues Fundament und einen neuen Glauben.
Es ist deshalb nicht verwunderlich, daß sich Griechen oder/und Juden oft
als alleinige spirituelle Architekten »Europas« fühlen. Auch wenn sie
untereinander selten eine Einigkeit erreichen, stimmen sie überein, wenn
es um die Verneinung der Bedeutung des lateinischen Erbes geht. Die
orthodoxen Slawen und die protestantischen Germanen haben diese Idee
übernommen.
Auch bei den Rumänen (Români), die Rom im Namen tragen, sind solche
Meinungen verbreitet. Ihrer Meinung nach stellt die griechische
Philosophie die Leistungen der Römer in den Schatten, und die Juden
beherrschen die Welt oder zumindest ihre Finanzen. Unter den Kommunisten
wurden sogar die Thraker verherrlicht, um das römische Erbe verdrängen zu
können. Verbreitet ist die Auffassung, daß Rom nur als Vehikel der
jüdisch-griechischen Werte im christlichen Gewand gedient habe. Aber auch
diese Leistung wird negativ bewertet: Die Römer waren Imperialisten, und
das gilt heute weitgehend als inakzeptabel.
Tatsächlich aber ist »Europa« ist nicht griechisch, jüdisch, thrakisch,
slawisch oder germanisch, sondern in erster Linie römisch. Die
Eingliederung vieler Ethnien von Britannien bis Mesopotamien und von
Dakien bis Afrika in die klassische antike Zivilisation war eine gewaltige
Leistung, die in der Integration von Ästhetik und Ethik, von Logik und
Glauben der Griechen und Juden in das Selbstverständnis des Imperiums ihre
Entsprechung fand. Das Entscheidende in diesem Kulturraum war das römische
Recht. Ohne es wären die Renaissance Europas und der »acquis
communautaire« (80.000 S.) der Europäischen Union nicht denkbar. Diese
römische Prüfung ist auch heute noch die Grundvoraussetzung zur
Integration in »Europa«. In »Europa« sind wir »Juden«, »Griechen«,
»Germanen«, »Slawen« usw. nur, weil wir alle »Römer« sind, und auch, wenn
wir nicht mehr Latein sprechen, bleibt Rom das Fundament des ganzen
Gebäudes.
Auch der Beitrag der Germanen zur westlichen Zivilisation ist
unübersehbar. Sie übernahmen das römische Recht und die römischen
Standarten und marschierten in den Fußstapfen der Legionäre. Die römischen
Kaiser des Mittelalters waren Germanen. Diese integrative und
traditionsbewahrende Rolle wird leicht übersehen, wenn man ausschließlich
auf die Reformation, die folgenden Religionskriege und den
Nationalsozialismus blickt.
VII. Welches Imperium?
Die Wiederherstellung der Einheit zwischen den Teilen des Imperium
Romanorum scheiterte bis heute an der Unvereinbarkeit der Konzeptionen von
Staat und Kirche der daraus resultierenden Gesellschaft. Hinter den
Konflikten steht stets die Frage, welches das echte Imperium ist und
welche Wege zur Wiederherstellung der verlorene Einheit eingeschlagen
werden sollen.
Die Gründungsakte der Europäischen Union wurde in Rom unterschrieben. Hier
ist die geistige Hauptstadt des Abendlandes, des Heiligen Römischen
Reiches Deutscher Nation und der Europäischen Gemeinschaft bzw.
Europäischen Union. Das griechisch-byzantinische Modell wird in Moskau, im
Zarenreich, in der Union der Sowjetischen Sozialistischen Republiken und
in der Gemeinschaft der Unabhängigen Staaten weiterentwickelt.
Konstantin der Große und seine Nachfolger in Konstantinopel und Moskau
sind für die orthodoxen Gläubigen die Stellvertreter Gottes auf Erden. In
der Staatengemeinschaft der 15 orthodoxen Kirchen leben die Patriarchen in
Harmonie bzw. »Symphonie« mit dem Herrscher. Soweit die Theorie. In der
Praxis kann der orthodoxe Patriarch nur der zweite Herr im Staate sein.
Der Zar bzw. Generalsekretär der KP oder Präsident hat den Vorrang.
Diese östlichen Gesellschaften versuchen, die aktuelle Krise durch eine
materialistisch-rationale Anpassung an die Normen des Westens zu
überwinden. Ein gemeinsames Konzil aller Bischöfe Europas fand nicht
statt. Die orthodoxen Patriarchen, die nach der Demontage des Eisernen
Vorhangs ohne einen anerkannten Basileus ungeschützt waren und das Elend
und Chaos im Osten voraussahen, denunzierten daher auf einem Konzil in
Konstantinopel unmittelbar nach dem Zusammenbruch des Ostblocks die
Transformation als Proselitismus.
Dieses Dilemma und die dogmatische Position ist weder neu noch ein
Vorrecht des Morgenlandes. Nach dem Zusammenbruch des Westreiches 476
dürfte die Lage nicht viel anders gewesen sein, aber mit umgekehrten
Vorzeichen. Das »Neue Rom« war damals intakt, das alte Rom zerstört. Heute
ist das »dritte Rom«, Moskau und die GUS, in Not, während die EU, die USA,
die NATO, der IWF etc. die ganze Welt beherrschen. Globalisierung ist an
die Stelle älterer Formen des Expansionismus (u.a. Imperialismus) getreten
und genießt eine heute weltweite Akzeptanz. Das Imperium muß nicht länger
militärisch neue Gebiete erobern, heute gilt es, unter den
Aufnahmekandidaten auszuwählen. Wie im Rom des 5. Jh. fragt man sich im
Osten heute, wie es weitergehen soll, was man zur Überwindung der Blockade
unternehmen kann, und welches neue Modell angesichts der allgegenwärtigen
Krise eine Überlebensstrategie sicherstellen kann.
Nach dem Zusammenbruch des antiken Rom gab die alte, teilweise noch
heidnische Elite den Christen die Schuld am Untergang. Sie hätten die
Autorität des Kaisers und die Wehrfähigkeit untergraben. Von heute aus
betrachtet, überrascht, daß das prosperierende, ausschließlich auf den
Fundamenten des Christentums gegründete »neue Rom« Konstantinopel von
Westrom nicht als Rettungsanker gesehen wurde. Augustinus nahm dieses
Modell – noch von den Römer gestaltet und geführt – nicht einmal wahr. Er
sah nur den Bischof von Rom, den Nachfolger und Hüter des einzigen
Imperiums, weil Jesus Petrus und Rom als Grundstein der universalen Kirche
bestimmt hatte. In dem Machtvakuum im Westen nach dem 5. Jh. schritten die
Päpste ohne einen Kaiser an ihrer Seite in der Tat in den Fußstapfen der
römischen Caesaren.
Auf die Fiktion der »Konstantinischen Schenkung« zugunsten der Bischöfe
von Rom antworteten die Griechen mit dem Mythos des Apostels Andreas, der
als älterer Bruder von Petrus der »erste Apostel« gewesen sei. Auf diese
Weise sollte das petrinische Prinzip mit Petrus als Gründer der
Universalkirche in Frage gestellt werden. Unabhängig von diesen
Wunschträumen bleibt die Tatsache bestehen, daß weder die Päpste das »neue
Rom« als Modell noch die Griechen das Primat des Heiligen Stuhls Petri
akzeptieren konnten.
Wenn man der Logik dieser historischen Erfahrung folgt, fällt auf, daß vor
dem Zusammenbruch der griechischen Herrschaft in Konstantinopel und
während der Krise der russischen imperialen Strukturen nach dem Ersten
Weltkrieg, während der Oktoberrevolution von 1917 sowie während der
samtenen Revolution von 1989 die Erwartungen an »Europa« unübersehbar
waren. Eine geistliche Verständigung jedoch, wie sie das Konzil von
Florenz 1439 noch anvisiert hatte, wurde seit der Zurückdrängung der
Türken aus Zentraleuropa nicht mehr in Betracht gezogen.
In unseren Jahrhundert wurde in Namen des Kommunismus im Osten und des
Nationalsozialismus im Westen die Beseitigung des Klassen- bzw.
Rassenfeindes sowie die ideologische Eroberung der ganzen Welt angestrebt.
Diese Synthesen christlicher Häresien waren in Wirklichkeit mißlungene
Modernisierungsversuche, kriminelle Bemühungen, um mit der modernen Welt
Schritt zu halten. Vor einem weiteren »geistlichen« Horizont sind sie auch
als verzweifelte Versuche zur Herstellung der Einheit des einzig wahren
Imperiums zu interpretieren.
Der serbische Vorstoß für eine Gemeinschaft aller Slawen und wenn möglich
aller Orthodoxen und die zu befürchtende Wiedereröffnung der großen
Konfrontation mit »Europa« weckt schlafende Hunde des Krieges am Limes.
Die Wiederherrichtung des Eisernen Vorhangs und des Status quo ante 1989,
natürlich in einer neuen Form, ist wieder in den Bereich des Möglichen
gerückt. Für Serbien dies ist schon die Realität, wie die Einrichtung
eines »Zentrums zur kulturellen Dekontamination« in Belgrad bezeugt.
VIII. Der antike und der religiöse Limes
Seit 1600 Jahre gibt es am Limes Konflikte zwischen Ost- und Westrom.
Zuerst waren es militärische Auseinandersetzungen mit den Barbaren, danach
in Byzanz religiös motivierte Kämpfe zwischen Orthodoxen und Katholiken,
später zwischen Muslimen und Christen und in unserer Zeit zwischen
Kommunismus und Kapitalismus. Im Kosovo-Konflikt finden wir die Schatten
aller dieser Kämpfe wieder, deshalb werfen wir noch einmal einen Blick auf
Traditionen und Erfahrungen eines genuinen Volkes vom Limes: auf die
Rumänen.
Dieses oströmische Volk, das unter der Herrschaft von Griechen, Slawen,
Madjaren und Türken stand, überlebte dank einer eigenständigen Synthese
zwischen dem römischen Erbe und der barbarischen Erfahrung. Die Erben der
östlichen Romanität, die Rumänen, haben in der Welt einen schlechteren
Stand als ihre Verwandten im Westen (Franzosen, Spanier etc.) und als
zahlreiche Völker, die später christrianisiert worden sind.
Die Rumänen leben zwischen Slawen, und ihr Tor zum Westen ist eng. Die
Suche nach einer Formel, die sowohl den Frieden mit den Nachbarn als auch
eine Integration in »Europa« erlaubt, ist ihre Aufgaben am Limes, wo die
Auffassungen über Kirche und Staat so verschieden sind, daß der Krieg im
Süden wieder ausgebrochen ist. Vor diesem Hintergrund hat sich Bukarest,
im Unterschied zur slawischen Achse Belgrad–Moskau, entschlossen, nach
einem Jahrzehnt Vorbereitung den Dialog mit Rom auf eigenem Boden zu
eröffnen.
Es ist nicht die erste Hinwendung der Rumänen nach Westen. Nach der
Niederlage der Türken vor Wien und der Verlagerung des
türkisch-muslimischen Vorhangs in die Karpaten haben die Orthodoxen aus
Transilvanien dem Papst als primus inter pares der Christenheit
akzeptiert. Es folgten die Trasilvanische Schule (Scoala Ardeleana) und
die nationale Wiedergeburt. Es ist nicht verwunderlich, daß Griechen,
Slawen und Serben gegen diese Emanzipation als Verrat am rechten
orthodoxen Weg kämpften. Sie erreichten die Isolierung und danach sogar
die Vernichtung dieser Union mit Rom. Erneut unter slawisch-griechischer
religiöser Kontrolle, beschränkte sich Bukarest auf eine kulturelle und
freimauerische Beziehungen zum Westen.
Die Ereignisse im Kosovo und der Dialog zwischen Papst Johannes Paul II.
auf der einen und Präsidenten Emil Constantinescu und Patriarch Teoctist
auf der anderen Seite dokumentieren die militärischen und religiösen
Spannung am Limes. Sollten die Gespräche scheitern, werden sich besonders
die ethnische Minderheit der Madjaren in Transilvanien und im Banat selbst
artikulieren und den Status quo aufkündigen.
1997 hat Bukarest Nord- und Südbessarabien sowie das Hertza-Gebiet und die
Schlangeninsel ohne Widerstand an die Ukraine abgetreten, daher ist zu
erwarten, daß es auch im Westen keinen Widerstand gegen eine weitere
Amputation seines Territioriums leisten wird. Das Scheitern Groß-Rumäniens
ist nicht nur in der Erinnerung der Rumänen präsent. Ein vollständiger
Verzicht auf die »orthodoxen Ketten« konstantinopolitanische und
moskowitische Prägung, wie ihn Bukarester Intellektuelle vor dem Zweiten
Weltkrieg forderten, ist heute nicht mehr nötig. Es wird ein neues Modell
gesucht, das sowohl den eigenständigen Traditionen als auch dem
Gleichgewicht der Kräfte auf dem Balkan Rechnung tragen soll: Ziele sind
die Möglichkeit einer Hinwendung nach Westen durch die Anerkennung des
Papstes als Primus inter pares der christlichen Patriarchen sowie die
Verhinderung von militärischen Auseinandersetzungen.
An der Nahtstelle zwischen Römern und Barbaren, Ost- und Westrom, Slawen
und Germanen sowie Muslimen und Christen sowohl westlicher als auch
östlicher Prägung sind Konflikte am Limes unausweichlich. Die einzige
Lösung ist die Wiederherstellung der Einheit des Imperiums – nicht auf
totalitären Strukturen, sondern auf westlichen Prinzipien von Recht,
Freiheit und Menschenrechte gegründet. Verglichen mit den Gräben, die die
christliche Zivilisation von anderen Kulturen wie dem Islam trennt, ist
der gegenwärtige Konflikt ohnehin ein Streit innerhalb der Familie, für
den eine Lösung nicht allzu schwer fallen sollte. Der »Kampf der
Kulturen«, den Samuel P. Huntington voraussagt, ist die vielleicht größte
Herausforderung für die »Neugestaltung der Weltpolitik im 21.
Jahrhundert«.
IX. Der Krieg in Jugoslawien
Nach dieser Darstellung einiger Begriffe und Gedanken der europäischen
Geschichte und Kultur, stellen wir fest, daß alle Akteure und das Szenario
der Vergangenheit im Krieg in Jugoslawien wieder präsent sind.
Im 4. Jh. spaltete sich das Imperium Romanorum in Ost und West. Im 7. Jh.
übernahmen Griechen und Serben die Macht über die östliche Romanität. Mit
dem Großen Schisma um die Jahrtausendwende tauchten die Madjaren und die
Rumänen mit verkehrten Vorzeichen am Limes auf. Die christianisierten
»Barbaren« kämpften in apostolischer Mission in Kroatien, Banat und
Transilvanien, die »Romanen« hingegen wurden als orthodoxe Untertanen der
Griechen und Slawen im feindlichen Lager gehalten.
Im 14. Jh. übernahmen die Türken das Erbe Ostroms und setzten den Konflikt
mit dem Heiligen Römischen Reich und Österreich fort. Im 18. Jh. wurde das
orthodoxe Rußland mit Hilfe der Protestanten in die europäische
Staatengemeinschaft aufgenommen und versuchte, das Osmanische Reich zu
besetzen und Ostrom in slawischem Gewand wiederherzustellen. Die
westlichen Mächte verhinderten diese Bestrebung bis zum Ersten Weltkrieg,
als die Reiche in Istanbul, Moskau und Wien zusammenbrachen.
Zwischen den Weltkriegen wurde der Kampf zwischen Ost und West von
slawischen Kommunisten und germanischen Nationalsozialisten bis zum
Zusammenbruch dieser modernen Häresien fortgeführt. 1989 stand die Tür für
einen Dialog zwischen Ost und West wieder offen, aber es folgten orthodoxe
Verweigerung, soziopolitische Stagnation und ökonomisches Chaos. Eine
Gelegenheit zu prüfen, wie ernst das westliche Angebot gemeint war, ergab
sich daher nicht. So wundert es nicht, daß die Einheit der Christen keine
nennenswerten Fortschritte machte. Der Krieg auf dem Balkan ist nur die
logische Folge.
1999 ist am Limes Krieg ausgebrochen, weil die Serben wieder das ethnisch
säubernde Gewand angezogen haben, in dem sie unter der Schirmherrschaft
der Byzantiner dorthin kamen, wo sie heute leben. Wieder agieren sie als
Sperrsitze der slawisch-griechischen Welt gegen den Westen, heute in
Gestalt der NATO, wie sie früher gegen Römer, Kreuzritter, das Heilige
Römische Reich Deutscher Nation und Österreich(-Ungarn). Auch der
Verteidigungskampf gegen das Dritte Deutsche Reich steht in gewisser Weise
in dieser Kontinuität. Nicht zufällig ging er einher mit einem blutigen
Bürgerkrieg gegen die von den Deutschen und Italienern gestützten
Ustascha-Kroaten.
Die orthodoxen Griechen sind selbstverständlich, organisch auf der Seite
der Serben. Konstantinopel hat die Südslawen auf dem Balkan angesiedelt.
Die Griechen sind aber heute insignifiant als Zahl und Macht. Außerdem sie
sind Teilbestand der NATO und EU geworden. Ein Ausbruch aus der westlichen
Staatengemeinschaft würde für sie eine Wiederholung des Schicksals der
Byzantiner aus Konstantinopel v. 1453 bedeuten. In der muslimische
Millionenmetropole am Bosporus leben heute noch einige Tausende Gläubige
des ökumenischen Patriarchen Bartolomeus I., allesamt von den Spenden
reicher Griechen aus USA.
Moskau, der Mittelpunkt der orthodoxen Welt und die Hauptstadt aller
Slawen, kämpft mit materiellem Beistand des Westens derzeit um die
Wiederherstellung der Macht im riesigen euro-asiatischen Raum und des
Ansehens in der Welt. Andererseits ist die messianische panorthodoxe und
panslawistische Aufgabe allgegenwärtig. Die Bewerbung Jugoslawiens um
einen Beitritt zum slawischen Verbund von Rußland und Weißrußland hat
Moskau in eine Identitätskrise gestürzt. Der Patriarch aller Russen,
Alexei II., reiste ebenso nach Belgrad wie Regierungsvertreter und
Kriegsfreiwillige. Der radikale Flügel des Panslawismus glaubt, daß seine
Stunde geschlagen habe. Andererseits werden die Entscheidungen über
Orthodoxie und Slawentum in Moskau und nicht in Belgrad getroffen.
Die Türken sind fest in Konstantinopel verankert und haben unter der
grünen Fahne des Propheten die Aufgabe des Ostreichs bis zur Auflösung der
Macht der Sultane erfüllt. Heute träumen sie von der Erneuerung des
Reiches von Turkmenistan bis Albanien und Afrika oder einem Machtzuwachs
durch eine Integration in die EU. Sie sind aber wie ihre traditionellen
Feinde, die Griechen, »Gefangene« der westlichen militärischen Allianz.
Ein vollwertiger EU-Beitritt samt Integration in die Euro-Sphäre setzt
eine Übernahme des Christentums voraus bzw. die Anerkennung des
Führungsanspruchs Roms. Keine der Alternativen ist derzeit realistisch.
Deshalb versuchen sie, die islamischen Brückenköpfe, die sie in der
jahrhundertelange osmanische Herrschaft aufgebaut haben, zu stärken. Auf
die Unterstützung der muslimischen Welt ist in dieser Hinsicht Verlaß.
Die Erinnerung der Madjaren an ihre glorreiche apostolische Mission an der
Grenze zu Häretikern und Schismatikern ist wieder wach geworden. Die
Ungarn haben nicht vergessen, daß Kroatien, Transilvanien und das Banat
einst zur Stephanskrone gehörten. Die Integration in NATO und EU
betrachten sie als eine Grundlage zur Infragestellung des Vertrags von
Trianon (1920), der das ungarische Trauma dieses Jahrhunderts darstellt.
Die ungarische Minderheit im Banat und in Transilvanien wird bald eine
internationale Rolle spielen. Aber wie Athen und Ankara ist Budapest den
europäischen Interessen untergeordnet, die nicht notwendig mit den
ungarischen Bestrebungen deckungsgleich sind.
Das westliche Imperium, die »Christenheit«, »Europa«, das Abendland kann
sich nicht passiv verhalten, wenn es an der östlichen Grenze, am Limes
herausgefordert wird. Besonders der regressive Status quo, wie ihn die
Orthodoxie seit 1989 praktiziert, ist nicht zu tolerieren, weil das
menschliche Elend und das Chaos eine Reaktion verlangt – und sei es eine
»militärisch-humanitäre« (s. Ulrich Beck).
Der Krieg in Jugoslawien hat das Prestige der Angelsachsen als führende
Kraft der NATO in der ganzen Welt gefestigt. Die Aktion gegen die weißen
orientalischen Christen in Jugoslawien hat, auch wenn es »nur« Orthodoxe
sind, bewiesen, daß die USA nicht nur farbige »Ungläubige« in Vietnam,
Somalia, Irak usw. militärisch bestrafen können. Andrerseits löst der
Anspruch, westliche Werte auch außerhalb des Limes durchzusetzen,
Befürchtungen in den »verspäteten Nationen« der Dritten Welt aus. Es fällt
auf, daß die USA eine Bestrafung Großbritanniens, Chinas, Rußlands etc.
wegen der ethischen und religiösen Konflikte in Belfast, Tibet oder dem
Kaukasus nicht in Betracht ziehen. Auch in Moldawien ist seit Jahren die
14. Russische Armee stationiert. Das Land ist damit praktisch (halb)
besetzt und weder die NATO noch die USA fühlen sich verpflichtet,
militärisch oder diplomatisch zu intervenieren. Eine Intervention wie im
Kosovo ist undenkbar, obwohl auch diese Region außerhalb des westlichen
Limes liegt.
Gleichzeitig spüren die USA als Siegerin zweier Weltkriege, daß sich das
weltpolitische Schwergewicht seit der erfolgreichen europäischen Einigung
wieder in die Alte Welt zurückverlagert. In der Zukunft werden die
Nordamerikaner und ihre Verbündeten in Kleinasien (Israel) an Einfluß
verlieren. Der Nordamerican Way of Life und der Holocaust sind Begriffe
des 20. Jahrhunderts.
Deshalb ist verständlich, daß die USA dieser Machtverschiebung
entgegenwirken wollen, bis eine eigene adäquate Antwort auf die neue
Herausforderung gefunden ist. Diese Tendenz wird transparent, wenn man
bemerkt, daß die militärische Intervention in Jugoslawien nicht unbedingt
den europäischen Interessen entspricht. In Europa werden andere Formen der
Zusammenarbeit von Slawen und Germanen, von Katholiken, Protestanten und
Orthodoxen gesucht und benötigt, als sie zur Zeit von der NATO auf dem
Balkan praktiziert werden.
Papst Johannes Paul II., der Patriarch des Abendlandes, hat die
militärische Intervention in Kroatien und Bosnien-Herzegovina und deren
Loslösung von Belgrad begrüßt. Auch besuchte er Sarajevo und Kroatien. Die
Überquerung des Limes durch die Bombardierung Belgrads hat der Papst
allerdings nicht gebilligt und forderte die Beendigung des Krieges.
In diesem undurchsichtigen Gestrüpp der ethischen, religiösen,
ökonomischen, militärischen usw. Interessen und Motivationen werden die
Schatten der beiden römischen Imperien deutlich. Auf dem Balkan haben sie
sich getrennt, hier testen sie 1999 die Möglichkeit der Wiederherstellung
der Einheit der Welt. Nicht umsonst bemerkte Talleyrand, der Diplomat
Napoleons »le centre de gravitation du monde n'est ni sur l'Elbe ni sur
l'Adige, il est là-bas aux frontières de l'Europe, sur la Danube«.
Prof. Dr. Viorel Roman
Akademischer Rat an der Universität Bremen, Vor
dem Steintor 18, D-28203 Bremen
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